Skip to content

Teilhabe mit wirtschaftlicher Wirkung

Dieser Artikel ist auch im Zürioberland Magazin vom 23. Oktober 2026 erschienen.

Jetzt kostenlos abonnieren

Neben Unternehmen des ersten Arbeitsmarkts prägen auch soziale Organisationen die Wirtschaftsstruktur des Zürcher Oberlandes. Diese bieten Menschen mit kognitiven, psychischen oder körperlichen Beeinträchtigungen im sogenannten zweiten Arbeitsmarkt berufliche Perspektiven. Ein Blick hinter die Kulissen des Werkheim Uster zeigt, wie Teilhabe, Begleitung und wirtschaftliche Leistung im Alltag zusammenfinden.

Der zweite Arbeitsmarkt ist ein wichtiger Pfeiler des Schweizer Sozialsystems. Er ergänzt den ersten Arbeitsmarkt dort, wo Menschen aufgrund einer Beeinträchtigung auf begleitete Arbeitsangebote angewiesen sind. Anders als oft angenommen, geht es dabei nicht nur um Beschäftigung, sondern um echte Teilhabe, persönliche Entwicklung und wirtschaftliche Leistung. Wie eng erster und zweiter Arbeitsmarkt miteinander verbunden sind, zeigen Christoph Ammann und Pascal König im Gespräch.

Warum braucht es den zweiten Arbeitsmarkt?
Christoph Ammann: Arbeit bedeutet für die meisten Menschen weit mehr als Einkommen. Sie schafft Struktur, soziale Kontakte und das Gefühl, einen Beitrag zur Gesellschaft leisten zu können. Der zweite Arbeitsmarkt  ermöglicht Menschen mit einer Beeinträchtigung diese Teilhabe und schafft Rahmenbedingungen, in denen sie ihre Stärken einbringen und weiterentwickeln können.

Pascal König: Über die verschiedenen Stationen im Werkheim Uster und bei Partnerunternehmen konnte ich Schritt für Schritt Erfahrungen sammeln und Verantwortung übernehmen. Dass ich heute an einem inklusiven Arbeitsplatz bei Belimo arbeite macht mich stolz. Es zeigt mir, was möglich ist, wenn man die Chance erhält, sich weiterzuentwickeln.

Welche wirtschaftliche Bedeutung hat der zweite Arbeitsmarkt?
Christoph Ammann: Wie jedes andere Unternehmen müssen auch wir auf dem Markt bestehen. Unsere Kund:innen und Partnerunternehmen erwarten dieselbe Zuverlässigkeit und Qualität wie von jedem anderen Dienstleistenden. Entsprechend erbringen wir konkrete Leistungen zu marktüblichen Preisen, sei es in der Produktion, der Logistik, im Gartenunterhalt oder in der Gastronomie. Allfällige Gewinne fliessen wieder in die Stiftung und damit direkt in unseren Auftrag. Darüber hinaus leistet der zweite Arbeitsmarkt einen wichtigen Beitrag zur Entlastung der Sozial- und Gesundheitsstrukturen.

Christoph Ammann (links) und Pascal König vom Werkheim Uster im Gespräch. © Christian Merz, Werkheim Uster

Öffentliche Gelder sind Teil Ihres Leistungsauftrags. Wofür werden diese eingesetzt?
Christoph Ammann: Der Kanton finanziert nicht unsere wirtschaftlichen Leistungen, sondern den zusätzlichen Aufwand für die agogische Betreuung. Im Werkheim Uster begleiten wir Erwachsene mit einer IV-Rente und einer kognitiven Beeinträchtigung. Unsere Fachpersonen unterstützen sie dabei, ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln und möglichst eigenständig zu arbeiten.

Von Wettbewerbsverzerrung oder ungleichen Spiessen kann man also nicht sprechen?
Christoph Ammann: Auf keinen Fall! Wir verstehen uns als Ergänzung zum ersten Arbeitsmarkt. Unsere Leistungen erbringen wir zu marktüblichen Preisen und denselben Qualitätsstandards wie andere Unternehmen. Deshalb sprechen wir lieber vom «ergänzenden» statt vom «zweiten Arbeitsmarkt».

Pascal König

Werkheim Uster

«Dank der Unterstützung im ergänzenden Arbeitsmarkt konnte ich meine Stärken entdecken, mich weiterentwickeln und so den Weg in den ersten Arbeitsmarkt finden.»

Wie gelingt die Integration in den ersten Arbeitsmarkt?
Christoph Ammann: Die Durchlässigkeit zum ersten Arbeitsmarkt ist ein zentrales Anliegen unserer Arbeit. Gemeinsam mit rund 20 Partnerunternehmen entwickeln wir Arbeitsplätze, die den Fähigkeiten und Potenzialen der Menschen entsprechen. Ein Beispiel ist die langjährige Zusammenarbeit mit Belimo.

Entscheidend ist dabei die individuelle Begleitung. Wir analysieren gemeinsam, welche Unterstützung eine Person benötigt und welche Entwicklungsschritte realistisch sind. Dadurch entstehen fliessende Übergänge zwischen dem ergänzenden und dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Diese hohe Durchlässigkeit verstehen wir als Erfolgsfaktor.

Uns geht es nicht darum, dass alle Menschen in den ersten Arbeitsmarkt wechseln. Entscheidend ist die individuelle Entwicklung. Für die einen bedeutet das einen Arbeitsplatz im Werkheim, für andere eine Tätigkeit bei einer Partnerfirma und für manche sogar den Schritt in ein reguläres Arbeitsverhältnis.

Welche Vorteile bietet der zweite Arbeitsmarkt aus Ihrer Sicht?
Pascal König: Ich bin mittlerweile knapp 20 Jahre beim Werkheim Uster. In dieser Zeit konnte ich unterschiedliche Arbeitsbereiche ausprobieren. Das sehe ich als Vorteil gegenüber dem ersten Arbeitsmarkt. So habe ich herausgefunden, was mir liegt und wo ich mich weiterentwickeln möchte. Im ersten Arbeitsmarkt wird
oft erwartet, dass man von Anfang an funktioniert. Im ergänzenden Arbeitsmarkt hingegen bekommt man die Möglichkeit, sich Schritt für Schritt an neue Aufgaben heranzutasten. Gleichzeitig erhielt ich die Unterstützung, die ich in neuen Situationen brauchte. Mein Ziel war zwar immer der erste Arbeitsmarkt. Der Weg dorthin wurde durch diese Unterstützung überhaupt erst möglich.

Beschreiben Sie bitte Ihren Arbeitstag.
Pascal König: Ich arbeite in der Montage von Feldgeräten für Heizungs-, Lüftungs-, Klima- und Brandschutzanlagen. Dabei setze ich Einzelteile zu fertigen Geräten zusammen, die weltweit im Einsatz sind. Die Arbeit erfolgt in mehreren Schritten am Fliessband. Anschliessend werden die Geräte mehrfach elektronisch geprüft, denn sie müssen fehlerfrei funktionieren. Ein Vier-Augen-Check gehört ebenfalls dazu.

Worin liegen Ihre grössten Stärken bei der Arbeit?
Pascal König: Meine Arbeit verlangt viel Konzentration und Genauigkeit. Das gefällt mir, weil ich gerne präzise arbeite und einen hohen Qualitätsanspruch habe. Besonders motiviert mich, dass ich am Ende sehe, was ich hergestellt habe. Ausserdem bleibe ich gerne an einer Aufgabe dran, bis sie erledigt ist, und arbeite sehr verlässlich. Ich kann mich über eine längere Zeit auf Details konzentrieren.

Die Montage von Feldgeräten erfordert Genauigkeit und Zuverlässigkeit. © Christian Merz, Werkheim Uster

Was macht soziale Organisationen als Arbeitgeberinnen für Fachkräfte attraktiv?
Christoph Ammann: Soziale Organisationen sind attraktiv, weil sie die Möglichkeit bieten, mit der eigenen Arbeit einen direkten gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Viele Menschen, insbesondere jüngere Generationen, suchen heute nicht nur einen Job, sondern eine sinnstiftende Tätigkeit. Gleichzeitig bieten diese Organisationen ein professionelles und wirtschaftlich anspruchsvolles Arbeitsumfeld. Die Kombination aus gesellschaftlicher Wirkung, fachlicher Herausforderung und persönlicher Erfüllung macht es für viele Fachkräfte besonders attraktiv. Auch für mich persönlich war das ausschlaggebend: Was ursprünglich nur als Zwischenstation gedacht war, hat sich zu einer beruflichen Laufbahn von mehreren Jahrzehnten entwickelt. Die Arbeit mit Menschen und die Sinnhaftigkeit dieser Aufgabe haben mich bis heute nicht mehr losgelassen.

Gibt es im Zürcher Oberland eine Häufung sozialer Organisationen?
Christoph Ammann: Tatsächlich sind im Zürcher Oberland einige namhafte soziale Organisationen aktiv. Ob im kantonalen Vergleich eine überdurchschnittliche Häufung besteht, kann ich nicht abschliessend beurteilen. Auffällig ist jedoch, dass viele dieser Organisationen sehr professionell und progressiv auftreten, was zu ihrer hohen Sichtbarkeit in der Bevölkerung beiträgt. Hinzu kommen die gute Vernetzung innerhalb der Region sowie die enge Zusammenarbeit mit Partnerunternehmen. Dadurch hat sich das Zürcher Oberland in diesem Bereich einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet.

Mit dem Werkheim Uster im Gespräch
Christoph Ammann ist seit 2020 Leiter des Betriebs Mehrwerk im Werkheim Uster. Der gelernte Hochbauzeichner kam über den Zivildienst ins Werkheim. Anschliessend absolvierte er einen Bachelor in Sozialer Arbeit und war innerhalb der Organisation als Jobcoach und Arbeitsagoge tätig.

Pascal König startete seine Laufbahn 2007 in der Holzwerkstatt des Werkheim Uster. Danach war er in verschiedenen Bereichen der Organisation tätig. Seit 2025 arbeitet er in der Produktion des Partnerunternehmens Belimo.

Im Werkheim Uster leben und arbeiten über 280 Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung. Begleitet werden sie von rund 300 Fachpersonen, die mehrheitlich in Teilzeit arbeiten und ihre Expertise einbringen. Gemeinsam mit der Belimo Automation AG in Hinwil fördert das Werkheim inklusive Arbeitsplätze im regulären Arbeitsumfeld. Derzeit arbeiten zwölf Mitarbeitende des Werkheims in den Bereichen Produktion, Einkauf und Logistik bei Belimo.
werkheim-uster.ch